Antidepressiva absetzen – Meine Erfahrungen

Sag Goodbye zu Antidepressiva

Es kommt für jeden Menschen der Moment, sich zu entscheiden, ins kalte Wasser zu springen oder weiter in seinem mitunter warmen, aber oppressiven und aussichtslosen Gefängnis zu bleiben. Das keine Gitterstäbe und keine Stahltür besitzt, sondern nur in unserem Kopf existiert, uns aber gegen alle Menschenrechtskonventionen nach Belieben foltern darf. Das ist schlimm genug. Es braucht nicht mehr als unseren Kopf und sein Innenleben, um uns (selbst) zu quälen. Gitter und Stahltüren werden dazu nicht gebraucht. Aber es liegt an uns, ob wir dort gefangen bleiben. Wir können uns selbst befreien, im Gegensatz zu einem richtigen Gefängnis ist das gar nicht so schwer, wenn man weiß wie und wenn man entschlossen genug dazu ist.

Eines Tages sprang ich in dieses kalte Wasser und befreite mich von den Antidepressiva, die ich bis dahin genommen hatte. Aber hallo, sagst du jetzt; und wie das? Langsam. Ich komme auf alles zu sprechen. Wie du dir denken könnt, ist es nicht einfach ein Sprung vom Drei-Meter-Brett im Schwimmbad, sondern, um im Bild zu bleiben, ich trug Bleistiefel und war gefesselt. Ganz ohne Kampf geht es nicht ab. Es geht nicht allein darum, dass das Wasser durch Kühle schockt, sondern du hast zu kämpfen gegen deine Handicaps. Das will ich hier nachzeichnen, vielleicht nützt es jemandem.

Da gibt es verschiedene Arten von Depression und, dazu passend, verschiedene Sorten von dagegen abzielenden Antidepressiva. In meinem Fall geschah der Kampf im kalten Wasser gegen SSRI (die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und darum galt es bei mir die Citalopram Medikamentation abzusetzen. Denn ich befand mich in der Spirale, immer mehr davon zu brauchen. Der Arzt erhöhte die Dosis, wenn ich mich über die ausbleibende Wirkung der früheren Dosis beschwerte. Jeder Idiot kann sich denken, dass das eine unheilvolle Entwicklung sein muss. Immer höhere Dosis muss mehr Drama bedeuten. Vor allem, wenn man davon weg muss. Auch, weil man nicht als herumtappender Zombie enden möchte.

Bei anderen psychischen Befunden und der Medikamentation dagegen mag es anders verlaufen als bei mir, ich erhebe natürlich keinen Anspruch darauf, für alle Varianten ein Exempel zu geben. Die ist eine höchst persönliche Sache, die von vielen Einflüssen abhängt, nicht zuletzt von der Persönlichkeit des Menschen, der damit umgeht – und *wie* er damit umgeht.

Der Job darf davon nichts merken

Wer bin ich? Einfach jemand, der als namenloser Angestellter bei einem ungenannten Konzern arbeitet und, während der Druck ausgeübt wird ‚effektiv‘ zu funktionieren, in eine große Sinnkrise gerät, die ihn ins Strudeln bringt. Was noch dabei eine Schlüsselrolle ausübte, ganz im Geheimen, wird man nach Lesen dieses Berichts wissen. Ich will hier nicht vorgreifen. Der Befund vom Psychiater lautete für mich ‚manisch-depressiv‘, was alles andere als exotisch ist; es ist weit verbreitet. Wird auch als bipolare Störung bezeichnet. Die Begriffe sind mir wurst und jeder mag es nennen, wie er will. Ich werde nicht genauer auf den Werdegang der Erkrankung eingehen, denn dieser Bericht soll das Loslösen von der Medikamentation, das eigenverantwortliche Absetzen von Antidepressiva schildern. Zumal nach meiner späteren Erkenntnis der Psychiater nicht die wahre Ursache, oder was zumindest mitspielte, erkannte.

Mir war es bis dahin ganz gut gelungen, meine Krankheitsgeschichte von der Arbeit fernzuhalten. Da sollte nun natürlich auch nichts von meinem Entzug bekannt werden. Aber wie könnte ich das Experiment geheimhalten? Es war ja nicht ausgeschlossen, dass etwas schiefging und ich verhaltensauffällig am Arbeitsplatz würde. Meine Güte, was hatte ich Sorge, dass das geschehen könnte! Was ich tat, um das elegant zu lösen, war, einfach auf eine andere Krankheit zu warten, weshalb ich mich krankschreiben lassen konnte. Eine Grippewelle kam mir da recht. Wenn ich schon zwei oder drei Wochen zuhause war, könnte ich versuchen, das Citalopram abzusetzen, ohne dass jemand Wind davon bekäme. Ich beschloss auch meine Ärzte nicht einzuweihen, weder den Psychiater noch den Hausarzt, was ich niemandem nachempfehlen möchte. Einfach, weil ich für eure Stories nicht die Verantwortung übernehmen könnte. Dies ist eine subjektive Geschichte und erhebt nicht den Anspruch, als Muster fürs Nachahmen zu dienen. Wer sich davon inspirieren lässt, tut das auf eigene Gefahr. Muss ja schon solche Legal Disclaimers einflechten, um nicht in Teufels Küche zu geraten, wenn jemand Mist baut und sich auf meine Schilderungen beruft.

Ich war entschlossen, die Krankschreibung, die mir der Hausarzt auf mein Drängen großzügig auslegte, zu einem Großreinemachen in meinem Kopf auszunutzen. Die Frage war, ob ich das Citalopram stufenweise reduzieren sollte oder gleich ganz absetzen. Es gibt ja im Internet nur Stimmen, die zum allmählichen Herausschleichen animieren. Ich sah aber auf die Uhr und den Kalender und fürchtete, zum Endpunkt meiner Krankschreibung nicht fortgeschritten genug zu sein und angeschlagen an meinem Arbeitsplatz erscheinen zu müssen. Also alles oder nichts? Nicht ganz. Ein Rest an Vorsicht in mir nötigte mich zu einem Versuch, von dem ich mich immer noch zurückziehen könnte, wenn es eng würde. Der Kompromiss sah so aus, zu Anfang die Tablettendosis schlagartig zu halbieren und zu sehen, ob ich es aushalten könnte oder nicht. Zu meiner Überraschung klappte das auch. Auf diese Erfahrung hin setzte ich das Antidepressivum ganz ab.

Wegen der Grippe nahm ich Aminosäuren: Tryptophan und Tyrosin, dazu Vitamin B Konzentrat. Ich wusste es da noch nicht, aber damit hatte ich zufällig genau das getroffen, was mir gegen den Citalopram-Entzug helfen würde. Ich darf mich also bei meiner Grippe für die Erkenntnis bedanken, die zu diesem Erlebnis, zu meinem Freiwerden von Antidepressiva und zu guter Letzt zu diesem Bericht führte. Und zu einigen neuen, wichigen Einsichten.

Antidepressiva absetzen: Kein Kinderspiel

Damit kein falscher Eindruck entsteht: ich hatte mein Quantum an Schmerzen im Prozess der Blitzentwöhnung durchzustehen. Ich kann und will das nicht in rosaroten Farben malen und verharmlosen. Ganz klar differenzieren zwischen den Auswirkungen der Grippe und den Entzugserscheinungen kann ich nicht, wegen der Gleichzeitigkeit der beiden Vorkommnisse. Grippe ist aber nicht gerade bekannt für psychodelische Erlebnisse, weshalb ich glaube, ganz gut differenzieren zu können. Ich griff wegen der Schmerzen begleitend noch zu Paracetamol; sollte ich nicht verschweigen. Aber das nützte nicht viel.

Ich hatte ja erwartet, dass die Gemütsschwankungen, weshalb ich als Manisch-Depressiver überhaupt in die Antidepressiva-Falle gestolpert war, zurückkommen würden. Aber sie waren überraschenderweise viel geringer als ich sie aus meiner Zeit vor der Verschreibung her kannte. Ich kam nicht gleich auf den Trichter, dass dies mit den Aminosäuren (besagten Tryptophan und Typrosin) zu tun hatte, die ich ja nicht wegen der befürchteten Depressionen eingenommen hatte, sondern wegen der Kurierung der zeitgleichen Grippe.

Die Schwankungen blieben also größtenteils aus, dafür hatte ich extreme Schwindelgefühle, das Herz begann zu rasen und es kam zu Anwandlungen von Aggressivität. Die Kopfschmerzen waren ja noch erträglich (halte ich dem Paracetamol zugute). Die Übelkeit ist etwas, wo man durch muss. Ich liess es nicht zu, dass ich mich übergab, denn damit würde ich auch wieder die Dinge auswerfen, die ich eingenommen hatte. Mit leerem Magen wollte ich das nicht durchmachen. Und ja, auch die Brainzaps hatte ich zu fühlen. Zeitweise kam ich mir vor wie unter bewusstseinsverändernden Substanzen. Mein Körper gab mir faktisch falsche Signale: wo Schnitte und Stiche auftreten würden, die doch Illusion waren. Irgendwie war meine Empfindlichkeit gnadenlos hochgefahren auf äußerste Pegel. Das heisst, ich bekam Dinge als dramatisch mit, die eigentlich Bagatellen waren und im Normalzustand unter einer Wahrnehmungsschwelle geblieben wären.

Zeitweise war es unwirklich und ich bekam ein Gefühl davon, wie es ist, eine mystische Erfahrung zu machen. Trotzdem nichts, was ich als Dauerzustand haben wollte. Als es abklang, war ich um diese Erfahrung reicher; so interessant sie auch war,  ich war auch froh, als sie vorbei war. Ich stelle mir vor, dass man in Gefahr ist abzudrehen, wenn man ständig paranormale Zustände durchmacht.

Nach zwei Wochen war das Schlimmste überstanden, denn nun hatte ich das, was man ‚Licht am Horizont‘ nennt, bemerkt. Etwas, auf das man zulaufen kann. Hinarbeiten. Durchhalten. Ein Bezugspunkt, der wieder zeitliches Empfinden zulässt. „Noch soundso viele Tage, dann muss es überstanden sein,“ denkt man dann. Die Brainzaps, also Blitze vom Kopf abwärts, hatte ich später noch, aber immer seltener. Damit kann man auch zurückkehren zur Arbeit, ohne dass jemand anderer es bemerken muss. Fast hatte ich über meiner Freude, den Entzug von meinen Antidepressiva geschafft zu haben, die Betrachtung der Rolle vergessen, die die eingenommenen Aminosäuren gespielt hatten. Diese hatten nämlich die Hauptarbeit geleistet – nicht geplant, aber als glücklicher Zufall zugespielt.

Möglicherweise ist von Bedeutung, wie lange man Antidepressiva genommen hatte und in welcher Höhe die verordnete Dosis angelangt war, was die Erfolgsaussichten wie die Dramatik eines Absetzens angeht. Wie gesagt, dies hier ist eine subjektive Erfahrung, die keinen Anspruch erhebt allgemeingültig zu sein. Beim einen läuft es so und beim anderen so. Die meisten Leute werden nicht so mutig sein, sondern die Begleitung durch den Arzt wünschen. Bitte sehr. Ich möchte niemanden davon abhalten. Mein Weg ist das nicht.

Mindestplanung

Den passenden Moment für das Experiment zu bestimmen scheint mir da die wichtigere Frage zu sein. Denn das Absetzen von Antidepressiva darf nicht kollidieren mit anderen Dingen wichtiger Art, vor allem dem Erwerbsleben und der Familie, wenn man denn eine hat, oder dem sozialen Umfeld, um allgemeiner zu sprechen. Wer dieses einweihen kann, ist glücklich zu schätzen, wenn er darüber während der Phase des Entzugs Unterstützung erfahren kann. Die Freunde oder Verwandten können dich dann mit allem versorgen, was du brauchst, während du dich auf dich selbst konzentrieren kannst. Sie können auch einschreiten, wenn du zu weit gehen und in eine Notsituation geraten solltest.

Mein Absetzen der Medikamentation mag vielen zu radikal sein. Da habe ich noch eine andere Empfehlung, die ich irgendwo aufgeschnappt habe. Das klappt aber nur mit wasserlöslichen Tabletten ohne Schutzfilm, wie er für die Magensäfte gedacht ist. Nach diesem Tipp löst man die Tabletten in einer genau bemessenen Anzahl Mikrolitern (Messglas verwenden) und nimmt Kürzungen an der Flüssigkeitsmenge der Lösung vor, wie man es geboten sieht, ehe man sie trinkt. So kann mit dem Wasser auch die gelöste Menge des Medikaments ganz genau dosiert werden und folglich reduziert werden.

Was die Wahl der Aminosäure angeht, die man einsetzt, um Antidepressiva zu ersetzen, so musst du beachten, dass es genau so, wie es unterschiedliche Antidepressiva gibt, auch verschiedene Aminosäuren gibt. Sie stehen in Korelation zueinander. Wie ich erwähnt hatte, galt es in meinem Fall gegen SSRI oder Serotonin-Wiederaufnahmehemmer vorzugehen, wozu Tryptophan oder 5-HTP das richtige Mittel ist.

Anders läuft das, wenn du SNRI zu ersetzen hast oder Mittel gegen atypische Psychosen. Dann wäre die Wahl Tyrosin oder etwas aus der Phenylalanin-Familie.

Glücklicherweise bietet der Markt etliche Aminosäuren-Präparate, so dass du dich für deinen Fall zielgerecht ausstatten kannst. Ungesund? Nebenwirkungen? Ich glaube nicht, dass die Einnahme irgendwelche negativen Einflüsse haben könnte.

 

Und die Ernährung?

Daran müssen wir natürlich auch basteln. Depressiv wird man aus verschiedenen Gründen. Nach meiner Meinung ist die falsche Ernährungsweise eine der Gründe; dann nämlich, wenn wir uns Fettsäuren verweigern, die doch eigentlich von unserem Gehirn gebraucht werden. Du kannst auf den Low-Fat Zug aufgesprungen sein und dich auf Diäten umgestellt haben. Ob es dich glücklich gemacht hat? Eher das Gegenteil. Es mag nicht politisch korrekt sein, aber du brauchst Nahrungsmittel mit Fettsäuren. Verzichten können wir dagegen auf Zucker und Pflanzenöl. Tiefgekühlte Fertigkost und solcherlei mehr ist dubios, du greifst besser zu unverarbeiteten Gemüsen und Früchten vom Bauern oder Wochenmarkt. Es müsste dann wohl schon ein Bio-Bauer sein, muss ich wohl dazusagen. Vitamin B und Vitamin D sind unverzichtbar.

Tiefkühlpizza geht schnell und sättigt. Allerdings begünstigt industriell gefertigte Nahrung Depressionen und andere Krankheiten.

Wogegen alle Aminosäuren nichts auszurichten vermögen, ist ein Befund, der als das LGS Syndrom bekannt ist; ausgeschrieben ein ‚durchlässiger Darm‘ oder eben ‚Leaky Gut‘. Da sprichst du mal mit deinem Arzt drüber, ich kann dabei nicht weiterhelfen.

Schluss und Schlussfolgerungen

Als ich an meinen Arbeitsplatz zurückkehrte, war ich aus dem Gröbsten raus. Wer mir jetzt noch eine Abgeschlagenheit anzumerken glaubte, musste das mit einer überwundenen Grippe-Infektion erklären. So war es mir recht. Ich war von den Antidepressiva frei geworden und würde wohl nie wieder welche nehmen, um nicht nochmals in die Teufelsspirale der Dosis-Erhöhung hineinzugeraten. Wichtiger noch: ich hatte erkannt, auf was es ankam, um gar nicht erst Depressionen aufkommen zu lassen.

Mir ist im Zusammenhang mit meinem Abschied von den Antidepressiva vor allem eins klargeworden: dass Ernährungsdefizite eine der Ursachen für Depressionen sein können. Folglich, dass durch Umstellung der Ernährungsweise auch die Anfälligkeit für einen Rückfall in diese Depressionen abgebaut werden kann. Meine Einnahme der Aminosäuren während meines Entzug, obwohl ursprünglich gegen die Grippe abzielend, hat sich als goldrichtig erwiesen, um meinen Körper und besonders mein Hirn mit Fettsäuren zu versorgen, die aufgrund einer modernen, trendigen und ‚fettfreien‘ Ernährungsweise rar geworden waren und das Gehirn unterversorgt ließen. Vergessen wir nicht; dieses besteht selbst aus Fettsäuren. Oh, die Mirakel der Biochemie!

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4 Gedanken zu „Antidepressiva absetzen – Meine Erfahrungen

  1. Hallo Hannes,

    danke dir für das Teilen deiner Erfahrungen und hoffe, dass es dir mittlerweile besser geht.

    Ich litt auch Jahre an Depressionen und einer generalisierten Angststörung. Auch Panikattacken kamen mit der Zeit dazu. Sämtliche Ärzte meinten, dass ich kerngesund bin und verschrieben mir einfach viel zu leichtfertig und schnell diverse Medikamente wie Xanax, Venlaxafin und Fluoxetin.

    All das hat mir wenn überhaupt nur kurzfristig geholfen. Auch wenn es banal klingt: Was mir letztlich geholfen hat: Eine Ernährungsumstellung und Sport.

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  2. Danke für den Erfahrungsbericht, ich hadere noch mit dem Absetzen und bin daher interessiert an den Erfahrungen anderer betroffener. Zur Zeit nehme ich noch (eine kleine Menge) Escitalopram und habe Angst vor der Absetzsymptomatik. Hoffentlich schaffe ich es auch bald ohne Antidepressiva auszukommen.

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